20 Jahre Frauen- und Mädchenfußball bei der SG 99 Andernach

Am 19. Juni 2026 feiert die Frauen- und Mädchenabteilung der SG 99 Andernach ihren 20. Geburtstag. Alles begann an einem Sommerabend im Jahr 2006 mit einem Schnuppertraining.

Bodo Heinemann, Günter Kossmann und Klaus Bell hatten damals mit „unseren Töchtern und ein paar weiteren Mädels“ gerechnet. Stattdessen standen auf Anhieb rund 40 fußballbegeisterte Mädchen auf dem Platz. Es war der Startpunkt einer Entwicklung, die in dieser Geschwindigkeit wohl niemand vorhersehen konnte. Vom ersten Tag an nahm die SG 99 mit Juniorinnenmannschaften am Spielbetrieb teil und schuf damit die Grundlage für das, was später unter dem Namen „Bäckermädchen“ weit über Andernach hinaus bekannt werden sollte und heute eine der prägenden Erfolgsgeschichten des Frauenfußballs in der Region ist.

Ein wichtiger Schritt folgte 2007, als die Frauenmannschaft des BSV Weißenthurm nach Andernach wechselte. Schon in der Saison 2007/08 gelang der Aufstieg in die Rheinlandliga. Mit dem Bau der Kunstrasenplätze und des Multifunktionsgebäudes am Stadion wuchsen ab 2010 auch die strukturellen Möglichkeiten. Sportlich nahm die Geschichte weiter Fahrt auf: 2014 feierten die Andernacherinnen als ungeschlagener Verbandsmeister den Aufstieg in die Regionalliga Südwest. Im selben Jahr sorgte der DFB-Pokal für besondere Momente, unter anderem mit dem Erstrundensieg gegen den Zweitligisten SV Weinberg und dem anschließenden Heimspiel gegen den späteren Champions-League-Sieger 1. FFC Frankfurt vor großer Kulisse.

2017 folgte der erstmalige Aufstieg in die 2. Bundesliga Süd. Nach dem zwischenzeitlichen Schritt zurück in die Regionalliga kehrten die Bäckermädchen 2019 direkt zurück, diesmal in die eingleisige 2. Frauen-Bundesliga. Dort entwickelte sich die SG 99 Schritt für Schritt vom mutigen Außenseiter zu einer festen Größe. Der vierte Tabellenplatz in der Saison 2021/22, weitere starke Platzierungen und zahlreiche enge Duelle mit namhaften Gegnern stehen für diese Entwicklung.

Auch die bald beginnende 8. Saison in Folge in der 2. Frauen-Bundesliga erzählt von Widerstandskraft und Weiterentwicklung. Nach dem Klassenerhalt in einer schwierigen Saison 2024/25 gelang 2025/26 wieder ein deutlicher Schritt nach vorne: Mit einem spektakulären 5:4-Auswärtssieg bei Borussia Mönchengladbach verabschiedeten sich die Bäckermädchen in die Sommerpause und beendeten die Saison auf einem starken sechsten Tabellenplatz.

Getragen wird dieser Weg bis heute von einem breiten Fundament. Neben der ersten Mannschaft bilden die weiteren Frauen- und Nachwuchsteams eine wichtige Verbindung zwischen Jugend, Entwicklung und Leistungssport. Die Zweite, die U23, die U19 und die Juniorinnenmannschaften stehen dafür, dass junge Spielerinnen in Andernach nicht nur Fußball spielen, sondern Perspektiven bekommen.

20 Jahre nach dem ersten Schnuppertraining ist aus einer Idee ein Aushängeschild geworden: Für die SG 99 Andernach, für die Stadt, für den Fußballverband Rheinland und für den Frauen- und Mädchenfußball in der Region. Die Geschichte der Bäckermädchen ist dabei längst nicht zu Ende geschrieben. Sie bleibt geprägt von Menschen, die Verantwortung übernehmen, von Spielerinnen, die ihren Weg gehen, und von einem Verein, der seit zwei Jahrzehnten zeigt, was entstehen kann, wenn Begeisterung, Beharrlichkeit und Gemeinschaft zusammenkommen.




Interview mit Kim Kossmann: „Unsere letzten Wochen haben geholfen. Die haben auch außerhalb Andernachs Eindruck hinterlassen“

Kim, ihr habt gerade die beste Saison seit dem Aufstieg vor elf Jahren gespielt, seid Rheinlandliga-Fünfter geworden. Was hat euch so stark gemacht?

Kim Kossmann Dabei hatten wir nach sieben Spieltagen sogar nur vier Punkte. Danach haben wir den Turnaround geschafft. Viele Schlüsselspieler waren sehr gut drauf, gerade in der Rückrunde. Vor allem waren wir aber ein Team. Wir hatten eine unfassbar hohe Trainingsbeteiligung, gute Stimmung und konnten ohne Druck Fußball spielen. Am Ende der Saison war uns oft klar, dass wir gewinnen werden.

Ihr wart zuletzt in einem richtigen Rausch. Kam die Sommerpause jetzt ungelegen?

Kossmann Wir sind froh, durchatmen konnten. Rein sportlich hätte es ruhig weitergehen können. Aber wir werden uns gut vorbereiten und versuchen, da wieder hinzukommen. Unser Kader ist sogar noch einmal deutlich besser und breiter aufgestellt.

In den vergangenen Jahren haben sich bei euch oft richtig starke Phase mit längeren Schwächeperioden abgewechselt. Das war abgesehen vom Saisonstart dieses Mal nicht so. Ist die Mannschaft reifer geworden?

Kossmann Erstmal gehört viel Glück dazu, dann aber auch der Kopf. Die jüngeren Spieler sind wieder ein Jahr älter geworden, haben es durch die Bank gut gemacht. Dann tut uns Alexis Weidenbach unfassbar gut. Wenn er spielt wie in der Rückrunde, ist er unser Kopf auf dem Platz. Auch unser Sturm mit Gian Luca Dolon und Mike Borger war am Ende wieder richtig gut drauf.

Es wird im Sommer ein paar Abgänge geben, das Grundgerüst der Mannschaft bleibt aber zusammen. War das schwer?

Kossmann Nein. Es gab die ein oder anderen Angebote aus der Oberliga oder von Vereinen, bei denen deutlich mehr Geld fließt. Aber wir sind ein Team, in dem andere Dinge im Vordergrund stehen: Gemeinschaft, Zusammenhalt. Jeder Spieler hat sich hier weiterentwickelt. Deswegen war es für die Jungs dann doch recht einfach, die Gespräche dauerten teilweise nur 20 Sekunden. Sie sind gern hier, identifizieren sich mit Andernach. Es wäre schön, wenn das von mehr Zuschauern honoriert wird und viele bekannte Gesichter wieder regelmäßig zum Sportplatz kommen.

Mit Leo Welter, Nikolas Groß, Philipp Pitkowski und Elias Dudkiewicz stehen die vier externen Zugänge auch bereits fest. Was war die Idee dahinter?

Kossmann Nikolas Groß ist ein Linksfuß, der schon in der Jugend in Andernach gespielt hat und mir in Mendig richtig gut gefallen hat. Leo Welter wollte ich vor zwei Jahren bereits holen. Ein super Fußballer. Philipp Pitkowski hat 14 Tore bei einem Absteiger geschossen. Elias Dudkiewicz hat sich dann noch zufällig ergeben. Er war jetzt länger krank und ihn wollen wir wieder zu alter Stärke zurückführen. Ich freue mich auf alle vier. Das gibt einen super Konkurrenzkampf, den wir brauchen. Unsere letzten Wochen haben geholfen. Die haben auch außerhalb Andernachs Eindruck hinterlassen.

Woran willst du in der Vorbereitung besonders arbeiten? Was soll noch besser funktionieren?

Kossmann Körperlich haben die Jungs nicht viel verloren. Die haben zum Teil einfach weitergekickt. Wir wollen noch geschlossener auftreten, ein paar Gegentore weniger bekommen. Ansonsten war das schon echt gut. Von meinem neuen Co-Trainer-Duo mit Daniel Neunheuser und Alexis Weidenbach erwarte ich mir viel. Ich freue mich richtig auf die neue Saison.

Cosmos, Ahrweiler und Wittlich sind alle in der Oberliga angekommen. Die Rheinlandliga dürfte in der neuen Saison noch ausgeglichener sein. Wo siehst du dich da mit deiner Mannschaft?

Kossmann Wie wollen nochmal ein paar Punkte mehr holen. Wir sind Fünfter geworden. Wenn wir das bestätigen, ist das gut. Wenn wir einen Platz nach oben krabbeln, cool. Wenn es zwei werden, noch cooler. Wir wollen mehr erreichen, als nur die Klasse zu halten.

Es gibt zwar keinen Oberliga-Absteiger, dafür kommen aber viele alte Bekannte aus der Bezirksliga zurück. Gibt es ein Spiel, auf dass du dich besonders freust?

Kossmann Andernach gegen Mayen. Das hat von früher noch einen ganz besonderen Klang. Da Mendig leider abgestiegen ist, ist das unser großes Derby. Ich bin allgemein gespannt, wie die sechs Aufsteiger sich schlagen. Nach Schweich, Malberg oder Betzdorf zu fahren, kann unangenehm werden.

Du bist auch zweiter Vorsitzender der SG 99 Andernach. Wie blickst du auf die Situation im Gesamtverein?

Kossmann In der A-Jugend hatten wir ein schwieriges Jahr. Was Jan Engels dort nun als Trainer macht, gefällt mir aber sehr gut und mit Adam Lemghar kommt auch wieder ein Spieler hoch in die erste Mannschaft. Für die nächste Saison bin ich sehr positiv gestimmt. Generell ist die Tendenz in den Junioren-Mannschaften positiv. Von der F- bis zur B-Jugend sind wir gut aufgestellt. Wir werden auch wieder eine zweiten Herren-Mannschaft melden.

Was ist für die Vorbereitung geplant?

Kossmann Wir haben mit dem Lauftraining begonnen, am Dienstag sind wir erstmals wieder als Mannschaft auf dem Platz. Auch die Testspiele stehen bereits fest. Wir werden unter anderem auf Rot-Weiß Koblenz und den FC Karbach treffen. Vom 17. bis 19. Juli sind wir im Trainingslager in Oberwesel.

Die Fragen stellte Marc Latsch.